Europas Direktor des Internationalen Währungsfonds hat eine alarmierende Prognose veröffentlicht. Deutschland muss schnell, aber umsichtig darauf reagieren.
In Brüssel ist eine Bombe gezündet worden, aber zu wenige Menschen hören den Knall. Zwischen den Schlagzeilen zum Zwist in der Bundesregierung, dem Ukraine-Krieg und Donald Trumps täglichen Knallfröschen droht die Warnung Alfred Kammers zu verhallen. Es wäre fatal.
Der Europadirektor des Internationalen Währungsfonds (IWF) hat in einer aufrüttelnden Rede vor Bankmanagern ein düsteres Bild der Wirtschaftslage in der EU gezeichnet. Wichtige Branchen: im Abwärtstaumel. Die Staatshaushalte: massiv überschuldet. Die Hoffnung auf Wachstum: mit noch mehr Schulden erkauft. Die Sozialsysteme: sündhaft teuer. Die Regierungen: zu träge beim Gegensteuern.
In diesem Zustand verliert der bislang mächtigste Staatenbund der Welt den Anschluss an die globale Entwicklung. Schon jetzt liegt das Bruttoinlandsprodukt in der EU um knapp 30 Prozent niedriger als in den USA – und die Kluft wächst weiter. Jeder Monat, in dem Berlin, Paris, Rom, Athen und Co. nicht entschlossen gegensteuern, verschärft in der Zukunft das Problem. Werkeln die europäischen Regierungen weiter so mutlos wie bisher vor sich hin, werde die durchschnittliche Verschuldung in den kommenden 15 Jahren bei 130 Prozent der Wirtschaftsleistung liegen, warnt der IWF-Direktor.
130 Prozent, das ist nicht einfach nur eine Zahl, das ist der Abgrund. Ein Schuldenberg in dieser Höhe würde Europas Staaten nicht nur jeglichen Handlungsspielraums berauben. Um nicht von Ratingagenturen und Kreditgebern heruntergestuft zu werden und Bankrotte zu vermeiden, müssten sie sparen, dass es kracht. Soziale Konflikte, womöglich sogar Revolten, triumphierende Extremisten und der Bruch des gesellschaftlichen Zusammenhalts wären absehbare Folgen. Nicht nur in peripheren Ländern wie Griechenland und Portugal, auch im Zentrum der Union, in Deutschland und Frankreich.
Geradezu beschwörend klingt daher der Appell des IWF-Experten: Renten, Gesundheitsvorsorge und viele andere staatliche Leistungen seien in der jetzigen Form nicht mehr finanzierbar. Ein rigoroser Sparkurs müsse her, um den Kollaps des Sozialstaats zu vermeiden …
Quelle: Artikel von Florian Harms auf t-online.de