Drei Millionen Arbeitslose und trotzdem Fachkräftemangel? Warum Unternehmen 2026 bremsen und der Arbeitsmarkt nicht in Schwung kommt.
Der Zustand des deutschen Arbeitsmarktes ist „wie ein Brett“, sagte Andrea Nahles, Chefin der Bundesagentur für Arbeit, vor kurzem. Er entscheidet sich derzeit aber nicht in den Statistiktabellen aus Nürnberg, sondern in den Vorstandsetagen und Personalabteilungen der Unternehmen. Dort wird kräftig gerechnet, abgewogen, verschoben. Viele Betriebe treten nicht mehr aufs Gaspedal, sondern bleiben auf der Bremse. Neueinstellungen werden geprüft, Projekte vertagt, frei werdende Stellen oft nicht nachbesetzt.
Nach Einschätzung von Arbeitsmarktforschern ist diese Zurückhaltung kein vorübergehender Reflex, sondern der eigentliche Treiber der aktuell zähen Entwicklung.
Arbeitsmarkt Deutschland: mehr Abbau, weniger Aufbau
Wie stark sich diese Verschiebung bereits niederschlägt, zeigen Daten des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). Tim Kovalenko, Volkswirt am IAB, verweist gegenüber FOCUS online auf Auswertungen bis 2024: „2018 wurden rund zwei Millionen Stellen abgebaut, 2024 waren es etwa 2,5 Millionen.“ …
Besonders betroffen seien Teile des verarbeitenden Gewerbes, etwa Chemie, Metallerzeugung oder Maschinenbau. „Diese Beobachtungen würden für einen Strukturwandel sprechen“, sagt Kovalenko …
Klaus Wohlrabe, Leiter der ifo-Befragungen, beschreibt die aktuelle Lage aus Sicht der Unternehmen etwas anders gewichtet. Auch er bemerkt: „Im Moment werden vor allem in der Industrie Arbeitsplätze abgebaut. Gleiches gilt für den Handel.“ …
Statistik spiegelt die Verschiebung am Arbeitsmarkt
Vor diesem Hintergrund überraschen die aktuellen BA-Zahlen kaum. Im Januar waren 3,085 Millionen Menschen arbeitslos gemeldet, die Quote lag bei 6,6 Prozent. Gleichzeitig sank die Zahl der bei der Bundesagentur gemeldeten offenen Stellen auf 598.000.
Der Arbeitsmarkt verliert demnach nicht überall gleichzeitig an Kraft. Er verlagert sich. Das heißt: „Stellen werden nicht zwingend in denselben Branchen aufgebaut, in denen sie abgebaut worden sind“, sagt Kovalenko. Das gelte auch für Berufe. Wer im Strukturwandel seinen Arbeitsplatz verliere, sei „unter Umständen nicht qualifiziert, einen Beruf auszuüben, in dem gerade ein Fachkräftemangel herrscht“. Hinzu kommt ein regionales Problem: Wenn im Süden Industriearbeitsplätze wegfallen, nützt es wenig, dass in Berlin IT-Fachkräfte gesucht werden …
Für ifo-Experte Wohlrabe hat die aktuelle Schwäche aber „vor allem konjunkturelle Gründe“. Es fehlten Aufträge, deshalb werde weniger Personal gebraucht. „Der Fachkräftemangel ist ja auch zurückgegangen. Das passiert immer, wenn die Konjunktur schwach läuft.“
Gleichzeitig nennt er wirtschaftspolitische Unsicherheit als Bremsfaktor: Fehlende Planungssicherheit hemme Investitionen und mache Personalplanungen vorsichtiger. Neben der Konjunktur spiele aber auch die strukturelle Transformation eine Rolle: „Das alte und erfolgreiche Wirtschaftsmodell vor Corona gibt es nicht mehr.“ …
Eine schnelle Belebung erwarten indes beide Experten nicht …
Quelle: Artikel von Thomas Sabin auf focus.de